Der Ruhestand muss warten

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Hella hat ihre Musik-Agentur verkauft und nun ist ihr langweilig. Wenn sie mal wieder über Musik schreiben würde, so wie früher? Da trifft sie Georg Thun, den Sänger einer Band, die sie noch von damals kennt …

Damit hatte Hella wirklich nicht gerechnet: Ihr war langweilig. Vor zwei Jahren hatte sie ihre Musik-Agentur verkauft – mit Mitte Fünfzig konnte es nicht mehr ihr Job sein, Bands zu entdecken und aufzubauen, hatte Hella gedacht, das mussten jetzt jüngere Menschen übernehmen. Die Agentur stand gut da, und mit dem Verkauf hatte Hella finanziell ausgesorgt. Anfangs war die neue Freiheit auch herrlich gewesen – ausschlafen, lesen, Sport machen, ohne dass der Terminkalender die Tage diktierte. Aber inzwischen fühlte Hella sich leer – sie war einfach noch nicht reif für den Ruhestand.

In letzter Zeit musste sie viel an ihre Anfänge denken. Wie sie als junge, musikbesessene Studentin so gut wie jeden Abend in einem Club oder einer anderen Konzert-Location verbracht hatte. Und irgendwann begonnen hatte, über die Bands, die sie hörte, zu schreiben. Zunächst nur in kleinen Independent-Magazinen, aber Hella machte sich schnell einen Namen und reiste schließlich um die halbe Welt, um Musikerinnen und Musiker zu treffen und sie für die großen Zeitschriften zu porträtieren. Aus den Kontakten, die daraus entstanden, entwickelte sich dann ihre Agentur. Und so viel Spaß ihr das auch gemacht hatte – am glücklichsten war sie wahrscheinlich als Journalistin gewesen. Heute würde sie aber keine Redaktion mehr wollen. Trotzdem rief Hella eines Tages den Redakteur eines Musikmagazins an, den sie von früher gut kannte.

Würde sie noch mal jemand einstellen?

„Hella!“ Er schien sich zu freuen, dass sie sich meldete. „Ich hoffe, du genießt dein Leben in vollen Zügen.“ „Naja …“ Sie seufzte. „Um ehrlich zu sein: Mir ist ein bisschen langweilig. Und ich frage mich, ob ich nicht wieder schreiben könnte.“ Am anderen Ende der Leitung entstand eine Pause. Hella fühlte sich sofort mies – natürlich brauchte der Redakteur keine Musik-Oma wie sie. „Entschuldige, das ist eine dumme Idee“, sagte sie. „Vergiss es einfach.“ „Nein, warte mal“, erwiderte er. „Ich denke gerade nach. Vor Kurzem ist nämlich eine Anfrage reingekommen – die Camelots wollen ein Buch über ihre Geschichte veröffentlichen.“

Fotos: stock.adobe.com (Szene nachgestellt)

„Die Camelots?“ Natürlich erinnerte sich Hella an die Band – in den 1990ern hatten die mit einer Mischung aus Rock und Grunge begonnen und waren schnell berühmt geworden. „Aber die haben doch seit Jahren kein Album mehr rausgebracht, oder?“ „Ja, die hatten sich aufgelöst“, bestätigte der Redakteur. „Aber jetzt gab’s eine Reunion, und si

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