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Sie ist vielleicht nicht das ermutigendste aller Gefühle, aber wenn wir uns unserer Wut stellen, ist das der erste Schritt, sie zu bewältigen und in etwas Gutes zu verwandeln

Foto: DARREN ROBB/GETTY IMAGES

Stell dir einmal die Frage: Was sind deine persönlichen Wutauslöser? Ist es der unfaire Gender-Pay-Gap oder die unzureichenden Klimawandelmaßnahmen? Ärgert dich die fehlende Bereitschaft deines Nachbarn, die Hundehaufen seines Vierbeiners einzusammeln? Dein Onkel, der sich übers Gendern lustig macht? Oder die Tatsache, dass im Familienalltag mal wieder alles an dir hängen bleibt und du zwischen kranken Kindern versuchst, auch noch Job und Haushalt zu erledigen? „Frauen sind oft wütend, weil sie sich ausgenutzt, gestresst und erschöpft fühlen“, sagt Autorin Soraya Chemaly. Eine Studie des Müttergenesungswerkes bestätigt das: Demnach litten über 90 Prozent der Mütter, die 2022 an einer Mutter-Kind-Kur teilgenommen hatten, an den psychischen Folgen dauerhafter Belastung, zeigten Erschöpfungszustände, Schlaf- und Angststörungen oder depressive Verstimmungen. Da kann man schon mal wütend werden.

Christine Smith, Professorin für Psychologie, menschliche Entwicklung und Frauen- und Geschlechterstudien an der University of Wisconsin, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Ihrer Meinung nach fühlen sich viele Frauen so niedergeschlagen, dass es ganz natürlich ist, dass Wut aufsteigt – und es ist schwieriger, diese auf gesunde Weise auszudrücken. „Wenn wir gestresst und erschöpft sind, haben wir weniger Spielraum“, sagt sie. „Dann kommen die schlimmen Seiten zum Vorschein.“ Stress und Wut sind natürlich nicht dasselbe, und doch gehören sie zusammen. Denn in einer chronisch stressigen Gesellschaft zu leben, bei der scheinbar keine Veränderung in Sicht ist, kann durchaus Grundlage für eine unterschwellige Wut sein.

Dabei ist Wut an sich gar nicht schlecht. Laut Expertin Smith ist dieses Gefühl unser eingebautes Signal dafür, dass etwas nicht funktioniert, was für das Überleben wichtig ist. Pro-blematisch wird es erst, wenn wir bei jemandem völlig ausrasten, der es gar nicht verdient hat. Und dafür sind Frauen anfälliger, denn wenn wir emotional und kognitiv permanent auf Hochtouren laufen (Stichwort „Mental Load“), haben wir einfach nicht mehr genug Kraft, darüber nachzudenken, ob die Frau eben im Café uns vielleicht gar nicht absichtlich mit ihrer Yogamatte angerempelt hat. Oder es kommt uns erst gar nicht der Gedanke, dass der neue Kollege unsere Anweisungen für die Kundenpräsentation als persönliche Beleidigung missverstanden hat. Gelassenheit ist oft unerreichbar, wenn wir so wenig Energie dafür übrig haben.

Wer wütend ist, wird gleich als hysterisch abgestempelt

Grundsätzlich ist es also vollkommen legitim, wütend zu sein. Allerdings nicht für Frauen.

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