Die Zukunft liegt im Falten

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DIE TRADITIONELLE JAPANISCHE KUNST UND TECHNIK DES ORIGAMI REVOLUTIONIERT DISZIPLINEN WIE MEDIZIN, ROBOTIK ODER RAUMFAHRT.

TEXT MAYA WEI-HAAS FOTOS CRAIG CUTLER

Der Origami-Künstler und Physiker Robert J. Lang faltete diesen Kranich aus einem einzigen Papierquadrat. Eine so komplexe Form – von den dünnen Beinen bis zu den gefiederten Schwingen – wäre einst undenkbar gewesen. Lang, Pionier auf dem Gebiet der Nutzung von Mathematik im Origami, setzte auf geometrische Konzepte und ein Programm namens Tree-Maker. Er entwickelte es 1993, um herauszufinden, ob Computer bei Origami-Designs helfen könnten.

DER KARTON, der mir geliefert wurde, enthält ein großes Stück weißen Kunststoff. Das Material ist gewellt und so gefaltet, dass es wie ein Koffer aussieht. Entpackt nimmt er fast die Breite meines Wohnzimmers ein. Als ich die Falten an einer Seite nach außen drücke, höre ich ein erschreckend lautes Plopp.

Aber nichts ist kaputt. Stattdessen hat sich der Plastikkoffer verwandelt: In meinem Wohnzimmer steht ein Kajak in voller Größe.

Das von der Firma Oru Kayak entwickelte Boot ist Teil einer wissenschaftlichen und technologischen Revolution, inspiriert von der Kunst des Origami. Was als Versuch begann, die mathematischen Gesetze hinter den Faltmustern zu verstehen, hat neue Möglichkeiten eröffnet, Form, Beweglichkeit und Eigenschaften aller möglichen Materialien zu beeinflussen – Filter von Gesichtsmasken, den Kunststoff von Kajaks, sogar lebende Zellen.

„Ich kann kaum noch Schritt halten“, sagt Robert J. Lang, gelernter Laserphysiker, heute eine Koryphäe auf dem Gebiet der Origami-Kunst. „Das ist ein ganz großartiges Forschungsfeld.“

Die Kunst des Origami existiert in Japan spätestens seit dem 17. Jahrhundert, Hinweise auf Papierfaltungen sind jedoch weit älter. Ursprünglich waren die Modelle einfach. Da Papier teuer war, verwendete man sie vorwiegend für zeremonielle Zwecke, etwa für die als Ocho und Mecho bekannten männlichen und weiblichen Papierschmetterlinge, die bei Shinto-Hochzeiten die Sake-Flaschen schmücken. Als die Papierpreise fielen, kam Origami auch bei Geschenkverpackungen, Spielsachen und selbst im Geometrieunterricht für Kinder zum Einsatz.

Mitte des 20. Jahrhunderts trug der Origami-Meister Akira Yoshizawa wesentlich dazu bei, das Papierfalten zu einer Kunstform zu erheben. Die Kreaturen, die er entwarf, schienen Leben und Persönlichkeit zu besitzen – sei es ein finster blickender Gorilla oder ein Elefantenbaby, das vergnügt den Rüssel schwingt. Mit der Veröffentlichung seines ersten Origami-Buch

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