Lesen? Habe ich erstkürzlich gelernt!

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JUTTA SCHMITT

Ehemann Gernold war viele Jahre lang ihr „Mitwisser”
Lange war es ihr großes Geheimnis
Fotos: Ulrike Schacht (3)

Einmal in ihrem alten Leben, da ging Jutta Schmitt ihr großes Geheimnis leicht über die Lippen. Das war 1984. „Als ich merkte, dass es Liebe ist, habe ich meinem heutigen Mann erzählt, dass ich so gut wie nicht Lesen und Schreiben kann”, erzählt sie. Gernold antwortete nicht mit Kritik oder Ablehnung, sondern ebenfalls mit einem Geständnis: „Er beichtete mir, dass er sein damaliges Auto noch nicht abbezahlt hat”. Seitdem war der heute 65-Jährige nicht nur Juttas große Liebe, er war ihr Mitwisser, ihr Halt.

Jutta Schmitt war in der Schule, machte Karriere in der Elektronikbranche und leitete zeitweise sogar ein großes Team. Und sie war auch eine funktionale Analphabetin, gering literalisiert, wie es richtig heißt. „Als ich zur Schule ging, hat bei uns noch ein Lehrer alle vier Grundschuljahrgänge unterrichtet und war man der Meinung, dass Frauen später Kinder bekommen und Schulbildung zweitrangig ist”, erzählt Jutta Schmidt heute.

Jutta konnte ihre Schwäche gut verbergen

So interessierte es auch niemanden, dass sie nicht richtig Lesen und Schreiben lernte. Damit ist sie nicht allein: Immerhin 6,2 Millionen Menschen in Deutschland können gar nicht bis schlecht Lesen und Schreiben. Es ist also nicht unwahrscheinlich jemanden im Bekanntenkreis zu haben.

Auch im Berufsleben fand Jutta ihre Strategien, um nicht aufzufallen. Sie ist eine intelligente Frau, vor allem gut in Mathe und mit einem scharfen Gedächtnis ausgestattet, weil sie, statt Dinge aufzuschreiben, sich immer alles merken musste. „Außerdem bin ich eine gute Schauspielerin”, sagt Jutta und lacht. In brenzligen Situationen hat sie das mehr als einmal gerettet. Die Angst, entdeckt zu werden, war dennoch ihr ständiger Begleiter.

„Dann musste ich in den 90er-Jahren den Arbeitgeber wechseln, zeitgleich verlagerte sich immer mehr Kommunikation vom Telefonat auf E-Mails. Jutta arbeitete abends Berichte nach, die sie tagsüber wegen ihrer Lese- und Schreibschwäche nicht erledigen konnte. Ihr Mann half ihr dabei geduldig. Die Belastung wurde trotzdem immer größer, bis

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