IN DEN SPUREN IHRER VORFAHREN

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An den abgelegenen Stränden Westaustraliens hat das Meer dieselbe Farbe wie der Himmel. Eine neue Generation von gameledes (Wächtern) der Aborigines fordert ihr Erbe zurück. Für sie ist der Tourismus ein Mittel, um ihre Bräuche weiterzutragen und an Reisende zu vermitteln.

TEXT: EMMA THOMSON

FOTO: AWL IMAGES

Bundy bewegt sich rasch über den glatten Sand, seine Füße schreiben in der Landschaft wie ein Schriftsteller auf einem leeren Blatt. Es ist Ebbe. Im Wurzelgewirr der Mangrovenwälder halten wir Ausschau nach Krebsscheren. Bundy sucht Mangroven-Schlammkrabben auf die traditionelle Art – mit einem Speer aus dem Holz der Gold-Akazie. Tief beugt er sich hinab und lauscht. Plötzlich sticht er in die Dunkelheit und zieht den Speer mit einem schnappenden Krebs an der Spitze heraus. Er zündet einen Zweig an und wirft ihn auf die Krabbe. „Das Land zeigt uns unsere Träume, zeigt uns, wo wir hingehören“, sagt er. „Ich bin ein Hüter, ein gamalede, ich kümmere mich um unsere Geschichten.“

Schweigend stehen wir nebeneinander am Cape Leveque. Das Kap gehört zur westaustralischen Dampier Peninsula, wo der Indische Ozean selbst wie eine Krebsschere in die Region Kimberley zu kneifen scheint. Wir blicken auf das uralte Land, in dem das Meer dieselbe Farbe hat wie der Himmel und kein Gebäude über Baumhöhe hinausragt. Geschichten sind hier nicht zweidimensional, mit Tinte auf Papier festgehalten, sondern eine durch die Zeit reisende Lebenskraft, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet und von Bäumen, Felsen, Tieren getragen wird – und von den Aborigines. Sie glauben, dass die Welt in der Traumzeit von den Geistern der Schlange, des Emus, des Adlers und des Kängurus erschaffen wurde.

„Natürlich übe ich noch und lerne die Sprache und die Gebräuche“, erklärt Bundy. Wie kann er noch lernen, frage ich mich? Doch er muss umlernen, wie viele andere auch. Zwischen 1905 und 1970 haben die australische Regierung und kirchliche Missionen im Rahmen eines sogenannten Zivilisationsprogramms Aborigine-Kinder gewaltsam aus Familien und Gemeinschaften gerissen. „Sie trennten uns von unseren Geschichten und dem Land und hinterließen einen leeren Raum“, sagt Bundy. Mit seinem Speer zeichnet er Formen in den Sand. Die Betroffenen nennt man die „Gestohlene Generation“. Viele von ihnen, darunter Bundy, fordern heute ihr Erbe zurück.

Der Aboriginal Land Rights Act, der 1976 im Northern Territory in Kraft trat, ermöglichte es den Aborigines landesweit, ihre traditionellen Landrechte wiederzu