LEBEN AUS LEHM

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Moderne Architekten nehmen Anleihen bei Westafrikas Vergangenheit, um Gebäude in Zukunft besser gegen die Hitze zu wappnen.

TEXT PETER SCHWARTZSTEIN FOTOS MOISES SAMAN

Die Große Moschee von Bobo-Dioulasso in Burkina Faso wurde 1880 erbaut. Ihre Lehmziegelwände werden jährlich mit Sheabutter imprägniert. Den starken Regenfällen, die der Klimawandel mit sich bringt, hält der Lehm oft nicht mehr stand.

Mousa, ein pensionierter Schulbibliothekar in den Fünfzigern, hat die von Termiten befallenen Dachstützen durch frisch geschnittene Balken ersetzt. Er hat die hitzebeständigen Lehmwände verstärkt, von denen manche einen Meter dick und mehr als hundert Jahre alt sind, hat das Strohdach erneuert und eine Ziege zum Gedenken an seine Vorfahren geopfert. Jetzt braucht er nur noch die Außenwände mit einer Schutzschicht gegen Regen zu versehen.

„Der Lehm hält uns zu Hause kühl. Das Motoröl, der Ton und der Kuhdung halten uns trocken“, erklärt Mousa, während er mich durch sein Drei-Zimmer-Haus führt, in dessen Wohnraum es gut 13 Grad kühler ist als draußen. „Wir haben unsere eigenen Methoden perfektioniert.“

Mousa ist durchaus stolz auf sein Lehmhaus. Trotzdem beobachtet er seit ein paar Jahren mit Kummer, dass so manch wohlhabenderer Nachbar in diesem grünen Landstrich im Südwesten Burkina Fasos sein bisheriges Lehmhaus neu baut – aus Beton. Mousa macht das zu schaffen. Es erinnert den ernst blickenden Mann an seine eigene Armut. Noch dazu kamen erst vor Kurzem zwei Brüder im Dorf ums Leben, als im Schlaf eine Lehmwand über ihnen einstürzte.

Später nimmt Mousa in einem vor sich hin bröckelnden Versammlungshaus an der Seite des Dorfvorstehers von Koumi Platz. Sanu, der nur den einen Namen trägt, ist wütend. Der Vorsteher hat das Bauen mit Lehm im Dorfzentrum angeordnet, um die Traditionen zu bewahren, doch immer weniger Bewohner halten sich an seine Anweisungen – seine Söhne eingeschlossen. „Der Lehmbau ist unser Erbe“, sagt Sanu. „Jahrtausendelang haben uns diese Häuser ein gutes Leben ermöglicht. Warum sollten wir das ändern, gerade jetzt, wo wir sie dringend brauchen?“

IN AFRIKAS SAHELZONE gibt es Tausende Orte wie Mousas Dorf Koumi. Ein paar Dutzend davon habe ich besucht, in verschiedenen Ländern. In allen bauten immer mehr Bewohner mit Beton, sobald sich ihr Lebensstandard verbessert hatte. Und so wechseln etliche der heißesten, ärmsten Landstriche Afrikas gerade ihre Farbe: von erdigem Braun zu Betongrau.

Die Abkehr von traditionellen Materialien und den mit ihnen einhergehenden Baupraktiken ist jedoch alles andere als ein

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