WÄNDE AUS ERDE

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Lehm ist der Baustoff des Klimawandels. Er gilt als ökologisch, verbessert das Raumklima, und Häuser aus dem Material sind sehr langlebig, erklärt Keramiker und Lehmpionier Martin Rauch.

Interview: Eileen Stiller

Puristische Ästhetik war lange Zeit ein klassisches Merkmal des Sichtbetons. Mittlerweile kommt immer häufiger auch Lehm zum Einsatz, der dem Beton ökologisch überlegen ist. Die Küche im Bild oben steht in einem Privathaus im Schweizer Männedorf.
FOTO: BRUNO HELBLING

Das Bauen mit Lehm hat eine 10 000 Jahre alte Tradition. Ein Drittel aller Menschen weltweit lebt in Häusern, die ganz oder teilweise mit Lehm gebaut sind. Bis zu 40 verschiedene Lehmbautechniken kommen dabei zur Anwendung, nicht nur in Westafrika und im Nahen Osten, sondern auch mitten in Europa. So wohnen in Deutschland beispielsweise um die zwei Millionen Menschen in Fachwerkhäusern, bei denen die Gefache zwischen den Holzbalken mit Lehm ausgekleidet sind.

In Zeiten von Energiekrise und Klimawandel steigt die Nachfrage nach dem alten Naturstoff wieder. Interessierte landen oft bei Martin Rauch. Der gelernte Keramiker betreute Projekte wie das „Ricola Kräuterzentrum“ bei Basel, den „Alnatura Campus“ in Darmstadt sowie die Berliner „Kapelle der Versöhnung“ und gilt als Lehmbaupionier im deutschsprachigen Raum.

Herr Rauch, Sie haben sich dem Lehmbau verschrieben, wohnen selbst in einem Haus aus Stampflehm. Was begeistert Sie an diesem Material?

Man denkt hierzulande gerne, Lehmhäuser seien etwas für den globalen Süden, wo es trocken und warm ist und wenig regnet. In Wirklichkeit ist Lehm überall auf der Welt zu Hause. Er ist leicht verfügbar und vielfältig verwendbar, schafft ein gesundes Raumklima und ist frei von Schadstoffen. Außerdem lässt er sich mit geringem Primärenergieaufwand verarbeiten und immer wieder vollständig recyceln. Das ist heute wichtiger denn je. Würden alle Menschen auf der Welt weiter so inflationär mit Beton bauen wie bisher, bräuchten wir drei Erden.

Warum nutzen wir in Europa all die vorteilhaften Eigenschaften von Lehm so wenig?

Auch in unseren Breiten hat man bis in die Dreißigerjahre viel mit Lehm gebaut. Aber schon vorher begann der Baustoff in Verruf zu geraten, da er als „primitiv“ galt. Im Zuge der Industrialisierung haben wir unsere Energie, sprich Kohle, aus dem Boden geholt. Damit konnten wir Ziegel brennen, Stahl produzieren, Beton herstellen und Material über weite Strecken transportieren. Die Energiefrage stellte sich nicht ernsthaft. Wir sind in den letzten 200 Jahren in einem Modus aufgewachsen, wonach alles Neue angeblich bess

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