NEUES LEBEN IM ALTER

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Arbeit, Versorgung, Miteinander: Wie verändert sich eine Gesellschaft, wenn die Bevölkerung stark altert? Ein Blick nach Japan zeigt, was uns auch in Deutschland erwartet.

TEXT SARAH LUBMAN FOTOS NORIKO HAYASHI

Ikuko Akasaka, 82, ist eine der ältesten noch berufstätigen Geishas. Seit 64 Jahren verrichtet sie die anspruchsvolle traditionelle Kunst – Tanz und Konversation mit Kunden.

Eine ältere Frau steckt den Kopf aus der Tür und wirft einen Blick auf die mit traditionellen niedrigen Holzhäusern gesäumte Hauptstraße des Hafenviertels Iwase. Eine andere bewegt sich langsam und vorsichtig in einer schmalen Seitengasse vorwärts. Ein paar Minuten später trudeln zwei kleine Laster ein und bleiben am Straßenrand stehen.

Plötzlich kommt Leben ins Viertel. Fünf Arbeiter mit orangefarbenen Westen tauchen auf, eilen geschäftig hin und her, stellen Leitkegel auf, verteilen Einkaufskörbe und entschuldigen sich vielmals dafür, dass sie den mobilen Lebensmittelstand Tokushimaru ein oder zwei Meter von seinem üblichen Standort verschoben haben. Sie befördern Lebensmittel vom ersten Wagen zum zweiten. Der verwandelt sich im Nu in einen Minimarkt mit ausklappbaren Regalen und roten Markisen. Die linke Seite für die Kühlwaren ist mit Einzelportionen Fisch und Fleisch, Joghurt, Eiern und anderen leicht verderblichen Waren bestückt. Rechts gibt es frisches Gemüse und Obst, hinten Snacks und Cracker. Ein halbes Dutzend Kundinnen, alles ältere Damen, trippelt langsam um den Wagen herum.

Miwako Kawakami, eine 87-Jährige mit Bubikopf, gibt einem Mitarbeiter ihren Stock und nimmt sich einen kleinen Korb. Sie kauft Lauch, Karotten, drei Zwiebeln und Milch. Kawakami wohnt in der Nähe, allein. „Es gab mal eine Menge Geschäfte hier, aber jetzt sind alle weg“, sagt sie. „Der Gemüsestand, der Fischstand, die haben alle vor etwa fünf Jahren zugemacht.“ Gebückt und ein wenig unsicher läuft sie über die Straße, ihrer 86-jährigen Nachbarin entgegen, die ihr beim Tragen der Einkäufe hilft.

Iwase ist verwaist. Die Jungen sind fortgegangen. Diejenigen, die geblieben sind, werden immer älter. Diese Dynamik zeigt sich überall in Japan, während die Geburtenrate seit Jahrzehnten sinkt. Die Bevölkerungszahl war 2010 mit 128 Millionen Einwohnern auf dem Höhepunkt. Jetzt liegt sie bei unter 125 Millionen und wird voraussichtlich in den nächsten vier Jahrzehnten weiter abnehmen. Gleichzeitig leben die Japaner immer länger – die Frauen durchschnittlich 87,6 Jahre, die Männer 81,5 Jahre. Abgesehen von der Bevölkerung des kleinen Stadtstaats Monaco ist die japanische Bevölkerung die

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