SMART IN DER WÜSTE

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AGYPTEN WILL SEINE HAUPTSTADT KAIRO ENTLASTEN, INDEM ES EINEN NEUEN REGIERUNGSSITZ FUR SECHS MILLIONEN BEWOHNER AUS DEM WUSTENBODEN STAMPFT – MIT ALLER MACHT.

text ROBERT DRAPER

Ägypten will Millionen Menschen in neue Wüstenstädte umsiedeln, auch in die noch namenlose administrative Hauptstadt, die östlich von Kairo entsteht. Das Geschäftsviertel des am Reißbrett geplanten Regierungssitzes mit dem 77-stöckigen Iconic Tower befindet sich gerade im Bau.
FOTO: NICK HANNES, PANOS PICTURES

ALS ICH IM JUNI ZUM ERSTEN MAL seit 15 Jahren nach Ägypten zurückkehrte, hatte ich Mühe, das Land wiederzuerkennen. Entlang des Nils in Kairo waren gerade die ersten eineinhalb Kilometer der Fußgängerpromenade Mamsha Ahl Misr eröffnet worden. Das nahe gelegene Viertel, das als Maspero-Dreieck bekannt ist, wurde einem drastischen Facelift unterzogen. Heruntergekommene Bereiche hatte man abgerissen, an ihrer Stelle sollen teure Eigentumswohnungen am Flussufer entstehen. Hunderte von Häusern auf der Nilinsel al-Warraq wurden mit Bulldozern platt gemacht, um Platz für Hotels zu schaffen. Die geschichtsträchtigen Hausboote auf dem Fluss wurden demontiert oder eines nach dem anderen abgeschleppt.

Ich verließ die Stadt und fuhr durch grünes Ackerland nach Norden, bis ich die Wüste um Alexandria erreichte. Die Straßen waren so neu, dass der Asphalt noch klebte. Erst vor vier Jahren war am Ufer des Mittelmeers westlich von Alexandria ein schickes Strandresort aus dem Boden gestampft worden, Neu-El-Alamein. Die 60 Milliarden Dollar teure Stadt vom Reißbrett soll drei Universitäten und einen Präsidentenpalast beherbergen. In dem gehobenen Neubauviertel Latin Quarter waren „Chalets“ am Meer mit vier Schlafzimmern für eine Viertelmillion Dollar im Angebot.

Auf dem Rückweg nach Kairo steuerte ich ostwärts zu der Planstadt Neu-Kairo mit ihren glänzenden Bürotürmen und Nobelrestaurants. Die meisten davon waren seit meinem letzten Besuch wie Pilze aus der Ödnis geschossen, die einst die Arabische Wüste war. Die Stadt strahlte einen behäbigen Wohlstand aus, der eher an einen Vorort von Dallas erinnerte als an den lärmenden Pulsschlag Kairos.

Eine weitere halbe Stunde weiter östlich, entlang einer noch nicht vollständig asphaltierten Autobahn, erstreckt sich der neue Regierungssitz. Die noch namenlose Hauptstadt, in der bisher nur ein Bruchteil der geplanten sechs Millionen Einwohner lebt, ist das Herzstück der ehrgeizigen Modernisierungspläne Ägyptens. In einem Jahr, vielleicht auch schon früher, werden auf einem Gebiet, das zuvor ebenfalls nichts als Wüste gewesen

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