Tanz ins Glück

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Das Moskauer Bolschoi-Theater hat eine Außenstelle in Brasilien. Das Training an der Schule ist hart, doch die Ausbildung bietet die Chance für den sozialen Aufstieg.

TEXT CHRISTOPH WÖHRLE FOTOS EVGENY MAKAROV

Die ganze Abschlussklasse des brasilianischen Boschoi-Ablegers hat auf den Tag der Abschlussvorführung hingefiebert, unter ihnen Giovanna Genovez. Die Nachwuchstänzerin träumt vom Engagement an einer großen Bühne in Europa.
Wer jetzt nicht nervös ist, hat kein Herz: Vor ihrem Auftritt in der Abschlussvorstellung überprüfen die Ballettelevinnen und
-eleven letzte Details. Schminke, Frisur, Kostüm – alles muss perfekt sitzen.

MANCHMAL WIRKT SIE beim Üben, als hätte sie in eine Limette gebissen. Wenn Giovanna Genovez beim Ballett auf Zehenspitzen ihre Figuren tanzt, hat ihr Lächeln etwas Gequältes.

Joinville, Brasilien, Ende 2019. In Giovannas Kopf drückt ein Traum. Kann sie ihn wahrmachen, so wie es Rafael Pereira de Oliveira gelungen ist? Die beiden kennen sich kaum, doch auch er lernte in Joinville. Jetzt, Ende 2021, tanzt er über die Bühne des Bayerischen Nationaltheaters in München.

Giovanna, heute 22, und Rafael, 23, verbindet eine urbrasilianische Geschichte, eigentlich bekannt vom Fußball: Junge Menschen wollen den Aufstieg schaffen, durch Talent, Willen und Training. Giovanna lebt in einfachsten Verhältnissen und kämpft gegen das Schicksal der Armut. Rafael hat sich bereits hochgetanzt, als Absolvent der weltweit einzigen „Außenstelle“ des Moskauer Bolschoi-Balletts in Joinville, einer Stadt im Süden Brasiliens.

Viele ihrer Kollegen aus der Abschlussklasse tanzen schlechter als sie, aber Giovanna fehlt Leichtigkeit. Im Training für die Abschlussvorstellung steht sie vor der Barre, der langen Stange, an der die Schülerinnen und Schüler üben können, und hält sich fest wie an einem Rettungsring. Während ihre Kollegen in der Pause blödeln, verharrt sie auf der anderen Seite des Saals allein im Schneidersitz. Spricht man sie an, gibt sie sich Mühe, dem Blick standzuhalten. Für sie komme im Ballett nur das Ausland infrage, wo man gut verdiene. „Das Royal Ballett in London ist mein Ziel“, sagt sie in schroffem Ton. Einen festen Freund habe sie nicht – das Ballett sei ihre Liebschaft. „Für diesen Traum musst du arbeiten“, sagt sie.

Ihre Kollegen träumen ähnlich. London, New York, Paris, Berlin, St. Petersburg. Oder eben Moskau. Das Bolschoi-Theater in der russischen Hauptstadt beschäftigt mit seinen über 200 Tänzerinnen und Tänzern das größte Ballett der Welt. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Haus zu einer der ersten Adres

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