MYSTISCHES Föhr

5 min lesen

Manchmal, wenn wir ganz und gar nicht damit rechnen, geschieht etwas, das unser Herz auf den Kopf stellt, etwas Magisches: Bei Schriftstellerin Gabriella Engelmann (56) war es eine Reise an die Nordsee. Nach Föhr. Hier erzählt sie, wie sie uralte Kraftorte entdeckte und die ungestüme Macht der Natur

TEXT AUFGEZEICHNET VON SYLVIA NAUSE-MEIER FOTO DEIKE BEHRINGER WUPPER DIGITALE FOTOGRAFIE ADOBE STOCK ALAMY PRIVAT

Kann eine Insel ein Gefühl sein? Schon als die Fähre anlegt, spüre ich, dass irgendetwas anders ist. Ich bin anders. Als sei meine Seele schon einmal hier gewesen, so vertraut scheint mir alles. Wie kann das sein? Ich fühle mich längst angekommen, dabei stehe ich doch noch am Bootsanleger … Föhr! In dem Moment ahne ich, dass diese Insel etwas ganz Besonderes für mich werden kann. Vielleicht, weil es hier statt Fragen Antworten gibt. So jedenfalls empfinde ich diese Weite, Ruhe, die Frische und die Farben, vor allem das sagenhafte Grün. Eingebettet zwischen Sylt und Amrum, wirkt Föhr auf mich wie eine grüne Oase. Wiesen, Raps- und Maisfelder, Weiden, Marsche. Ein paar Schafe. Und Abertausende Vögel über den Salzwiesen von Oldsum. Austernfischer, Kiebitze, Lerchen, Wildgänse … sie scheinen zum Greifen nah. Ihr Singen und Kreischen hallt in meinen Ohren, verbindet sich mit dem Flüstern des Windes zu einer nie gehörten Melodie.

Im ewigen Rhythmus der Gezeiten

Ich setze mich. Der Strandflieder leuchtet lila, die Salzaster auch, nur sind ihre Blüten zarter. Hier scheint die Welt zu Ende zu sein, stillzustehen – um neu zu beginnen: Durch das hohe Seegras sehe ich das trockengefallene Watt. Wasser und Sand haben einzigartige Muster erschaffen. Ich beobachte die Vögel, die sich in den Pfützen spiegeln – bald werden sie wieder auf den Wellen schaukeln, im ewigen Rhythmus der Gezeiten. Und dann der Himmel! Innerhalb von Sekunden wechseln die Wolken von Weiß zu Dunkelgrau. Ich sehe dem Spiel von Sonne und Wind zu, den Vögeln, den Käfern und Schmetterlingen, verliere mich in dieser Weite. Hier, inmitten der Salzwiesen, fühle ich auf einmal, dass es etwas gibt, das größer ist als wir; fühle den Herzschlag der Natur.

Vom Lied des Windes

Auch im Dorf Oldsum hat niemand Eile. Duftende Rosen beranken reetgedeckte Kapitänshäuschen. Deren Türen schmückt das uralte Symbol aus Kreuz, Herz und Anker, was für Glaube, Liebe und Hoffnung steht. In den Vorgärten, in denen Akelei, Lupinen, Jasmin und Hortensien blühen, verführt manchmal eine weiß lackierte Bank mit bunten Kissen zum Innehalten. Föhr hat elf Dörfer, neun enden auf der Silbe „um“, was im Friesischen „Heim“ bed