EIN FAHRPLAN IN DIE FREIHEIT

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Fahrplan in die Freiheit

Warum Beziehungen erst durch ein gesundes Selbstwertgefühl tragfähig werden, wie Glaubenssätze unser Leben verändern und was Authentizität mit Freiheit zu tun hat, zeigt uns die Psychologin und Autorin Stefanie Stahl

TEXT CHRISTIANE SCHÖNEMANN ILLUSTRATION SIMONA DIMITRI/WWW.ILLUSIMI.COM

Leo Tolstoi schrieb einst: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Ich glaube, er hat recht. Mein Elternhaus war chaotisch. Unglücklich. Geprägt von Machtkämpfen, unterdrückten Aggressionen und sehr viel Schmerz. Einem Schmerz, den ich intuitiv schon als kleines Kind wahrnahm und niemals einordnen konnte. So wuchs ich mit der Überzeugung auf, dass ich es war, die das Leid in diese Familie gebracht hatte, es verursachte. Tag um Tag. Ich konnte den Ansprüchen meiner Mutter nicht genügen. War nie genug. Allein meine Anwesenheit reichte oft aus, um bei ihr heftigste Kopfschmerzen auszulösen. Warum das so war – ich habe es nie erfahren. Auch mein Zusammenleben mit den Großeltern war kompliziert. Irgendwie fühlte ich mich im Familienverbund als Außenseiter. Als Alien. Einzig mein Vater war mir gewogen und stand mir mitunter bei. Das alles ist Vergangenheit. Doch diese Vergangenheit hat ihre Spuren hinterlassen. Dachte ich jedenfalls. Bis ich auf das Buch „Jein“* der Psychologin Stefanie Stahl stieß. Dort las ich, dass die Wurzeln von Bindungsängsten in unserer Kindheit liegen. Bisher habe ich nicht einmal geahnt, das ich Bindungsängste habe – ich hielt mich aufgrund meiner Vorgeschichte einfach nur für begrenzt beziehungsfähig. Und bin aus diesem Grund schon lange Single. Aber dank Stefanie habe ich nun auf der Herzebene verstanden: Unser Elternhaus ist unser Trainingslager für spätere Beziehungen. Hier lernen wir, was Vater und Mutter unter Liebe verstehen und wie mit Problemen umgegangen wird. Wir erfahren, ob Zuneigung ein Geschenk ist, oder ob wir uns sie uns hart erarbeiten müssen. Oder wir lernen, dass wir nicht geliebt werden, egal, was wir tun. Eine bittere Lektion, die zumindest mich offenbar stärker geprägt hat, als ich ahnte. Denn: „All diese Erfahrungen lassen uns ein Leben lang nicht mehr los, sie spuren sich in unser Gehirn ein und prägen unsere Sicht auf uns selbst und auf die Welt“, erklärt die Psychologin. In den ersten sechs Jahren unseres Lebens findet die Verknüpfung der Gehirnnervenbahnen statt. Damit werden in unserem Gehirn sozusagen die wichtigen Wege und Verbindungen angelegt. Dabei entsteht eine Art Landkarte für unsere Gefühls- und Verhaltensmuster. Für tiefe Konditionierungen, die