C. G. Jung

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Erkenne deine Lebensstärke – und tu, was dich erfüllt

TEXT CHRISTIANE SCHÖNEMANN FOTO DPA PICTURE ALLIANCE ILLUSTRATION REPRINTED FROM THE RED BOOK BY C. G. JUNG. COPYRIGHT © 2009 BY THE FOUNDATION OF THE WORKS OF C. G. JUNG. WITH PERMISSION OF THE PUBLISHER, W. W. NORTON & COMPANY, INC

DOSSIER

Wer in den Spiegel des Wassers blickt, sieht zunächst sein eigenes Bild. Wer zu sich selber geht, riskiert die Begegnung mit sich selbst. Der Spiegel schmeichelt nicht, er zeigt getreu, was in ihn hineinschaut, nämlich jenes Gesicht, das wir der Welt nie zeigen, weil wir es durch die Persona, die Maske des Schauspielers, verhüllen. Der Spiegel aber liegt hinter der Maske und zeigt das wahre Gesicht. Dies ist die erste Mutprobe auf dem inneren Wege, eine Probe, die genügt, um die meisten abzuschrecken, denn die Begegnung mit sich selber gehört zu den unangenehmeren Dingen, denen man entgeht, solange man alles Negative auf die Umgebung projizieren kann.“

Wer bin ich? Kann ich mich so akzeptieren, wie ich bin? Und falls nicht, wer will ich sein? Wohl kaum ein Psychiater hat sich mit diesen Fragen intensiver und sich selbst gegenüber unerbittlicher auseinandergesetzt als der Schweizer Wissenschaftler Carl Gustav Jung. Getrieben wurde der ewig Suchende von dem Wunsch nach Selbsterkenntnis. Sein Motto: Entdecke dich selbst, setze dich mit deinen Schatten auseinander und bleib deiner Seele, bleib dir selbst treu. Jung, Mediziner, Psychiater und Mystiker, hat sein Leben dem Thema Ich-Findung, dem Blick hinter die Maske, der Suche nach dem wahren Selbst gewidmet. Träume, Visionen, Ängste – in seinem persönlichsten Werk „Das Rote Buch“ hat er sie schonungslos festgehalten und illustriert. Seine Zeichnungen legen Zeugnis ab von den Dämonen und Lichtgestalten der Menschheit. Legen Zeugnis ab von seinem Kampf um das eigene Ich – unerbittlich, aber auch versöhnlich. „Es tut dir gut, deine Grenzen zu kennen. Tust du es nicht, so läufst du in den künstlichen Schranken deiner Einbildung und der Erwartung deiner Mitmenschen. Dein Leben aber erträgt es schlecht, von künstlichen Schranken aufgehalten zu werden.“

Für ein bewusstes Sein ist es wichtig, die eigene Lebensstärke zu kennen

Für unsere Persönlichkeitsentwicklung ist entscheidend, dass wir die Möglichkeiten unseres Ichs ausloten, unsere ureigensten Bedürfnisse erforschen. Unsere Stärken und Schwächen erkennen. Um authentisch leben zu können, um frei zu sein, müssen wir uns zuerst selbst finden und notfalls auch unsere Fesseln abwerfen. Und dabei geht es keinesfalls um die Beschränkungen, die uns von anderen auferlegt werden. Wir sind