ER IST WIEDER DA

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SEEOTTER GEDEIHEN PRÄCHTIG IN KLEINEN VERBÄNDEN ENTLANG DER US-WESTKÜSTE VON KALIFORNIEN BIS ALASKA. DOCH UNUMSTRITTEN SIND SIE NICHT.

TEXT CYNTHIA GORNEY FOTOS RALPH PACE U N D KILIII YÜYAN

Unter einer rauen Brandung gleitet ein junger Seeotter geschmeidig durch die Bucht von Monterey in Kalifornien und sucht nach Muscheln. Das Tauchvermögen der Tiere kommt ihrem enormen Appetit entgegen; auf ihren Unterwasserstreifzügen finden sie ihre Beute üblicherweise binnen ein bis zwei Minuten.
FOTO: RALPH PACE

Er kreischte, wie es Seeotter tun, wenn sie in Panik geraten, verärgert sind oder ihre Artgenossen rufen – wie ein Möwenschrei, nur schriller. Er hatte dunkle Augen und einen tiefbraunen Pelz. Unter dem Bauchfell war ein Funksender implantiert. 16 Monate war er alt – ein junger Seeotter, dessen ganzes bisheriges Leben verstörende Ereignisse geprägt hatten. Otter 820 war kurz nach der Geburt verlassen worden. Retter hatten ihn auf einen Laster gehievt, schwarz bemantelte Menschen hatten ihn mit der Flasche gefüttert, ehe eine Seeotter-Pflegemutter ihn schließlich im Außenbecken eines Aquariums aufgezogen hatte. So wurde er Teil eines langfristigen ökologischen Experiments, einer Art Wiedergutmachung für das Massaker an seinen Artgenossen vor mehr als einem Jahrhundert.

Nun saß Otter 820 in einer Kiste in einem Motorschlauchboot und scharrte mit den Pfoten gegen Boden und Wände. „Mal sehen, wie das hier ausgeht“, sagte Karl Mayer.

An diesem Spätsommermorgen war ich mit Mayer und seiner Kollegin Sandrine Hazan, zwei Seeotterspezialisten vom Monterey Bay Aquarium in Kalifornien, unterwegs. Im Inneren des Aquariums bildete sich bereits eine Menschenmenge um das mit Glaswänden ausgestattete Seeotterbecken. Auf seine Bewohner muss die menschliche Spezies zuweilen seltsam wirken: Ein wenig Nasereiben mit den Pfoten, eine kleine Einlage wie das Donnern eines Plastikballs gegen die Steine – all das scheint den Zweibeinern auf der anderen Seite der Glaswand extremes Vergnügen zu bereiten. Strecke einen schnurrbärtigen Kopf aus dem Wasser, suche dir ein paar Schaulustige zum Flirten aus, und ein fröhliches Durcheinander ist dir sicher.

Für die Begeisterung, die der Anblick von Seeottern beim Menschen auslöst, gibt es halbwegs rationale Erklärungen, die Experten ungefähr so formulieren würden: Erstens: Seeotter nutzen Werkzeuge. Sie sammeln passende Steine, drehen sich auf den Rücken und legen sie als Amboss zum Zerschlagen von Schalentieren auf ihren Bauch. Zweitens: Sie zählen zu den kleinsten Meeressäugetieren und schwimmen in Rückenlage, was auf

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