Achtung, Adrenalin!

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Jan Mersch ist Bergführer und Psychologe, kennt sich in der Natur genauso gut aus wie in unserem Seelenleben. Im Interview erklärt er, warum Abenteuer so reizvoll sind

Interview: TOBIAS HATJE

Schwerpunkt Abenteuer

Fotos: ILKA & FRANZ/GETTYIMAGES, ARCHIV MERSCH

Wie gesund ist es für einen Menschen, der Lust nach Herausforderungen regelmäßig nachzugehen?

Um sich in das vermeintliche Abenteuer zu begeben, benötigen wir all unsere Sinne, aktivieren Körper und Geist. Wir geraten im Abenteuer nahe an unsere evolutionspsychologische Vergangenheit, als wir in Höhlen gelebt haben, in Sippen, bedroht von wilden Tieren und durch Wetterereignisse. Oftmals ist diese Vergangenheit noch präsenter, als wir glauben. Wir sind näher dran, wenn wir das Ursprüngliche suchen.

Nimmt die Abenteuerlust im Moment wieder zu?

Da ist die Frage, wie wir den Begriff definieren. Für mich ist echtes Abenteuer da, wo Wildnis ist. Und Wildnis tut weh. Wenn das der Maßstab ist, dann nimmt die Lust auf Abenteuer gerade nicht zu. Als Bergführer versuche ich eher, gefährliche Herausforderungen zu vermeiden oder zumindest zu kontrollieren.

Wird der Begriff Abenteuer unterschiedlich definiert?

Sicherlich. Nicht selten wird es ja schon als Abenteuer bezeichnet, wenn ich hinterm Haus den normalen Weg verlasse, in den Wald gehe und schaue, was da ist, Stichwort Mikroabenteuer. Auch das kann man als Abenteuer auffassen. Das geht dann bis hin zu dem Abenteuer im Kopf, etwas ganz Neues zu wagen. Zum Kern gehört für mich die Exploration, in der inneren wie in der äußeren Welt, also irgendwohin zu gehen, wo ich vorher noch nie gewesen bin.

Was passiert mit der Psyche und dem Körper, wenn wir uns in Situationen begeben, deren Ausgang unklar ist?

Da sind wir angespannt und konzentriert, gleichzeitig erregt, immer an der Grenze zwischen Wohlgefühl und Unwohlsein. Ist dieser Grat richtig gewählt, kommen wir in einen Zustand, der oft als Flow umschrieben wird. Wenn wir es übertreiben, bestimmt Angst unser Denken und Fühlen, kommen wir in eine Art Flucht- oder Kampfmodus. In diesem Zustand kann man bis zu 20 Prozent autonome Leistung zusätzlich abrufen, die wir bewusst nur sehr schwer oder überhaupt nicht aktivieren können.

Auf welche Art und Weise bringen uns Abenteuer im „normalen“ Leben weiter?

Sie bringen uns näher zu uns selbst. Unser Kern kommt deutlicher zum Vorschein, und wir spüren klarer, was wir brauchen. In der Natur sind wir aus unserer Welt und den üblichen sozialen Verhaltensmustern herausgerissen und bekommen einen anderen Blickwinkel auf uns selbst. Außerdem kommt es zu einer körperlichen Aktivierung, die in den Bergen meiste

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