Liebes Tagebuch! Das Buch meines Lebens

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Wer Tagebuch schreibt, ordnet die Gedanken des Augenblicks und hält sie fest. Unbewusst geschieht jedoch noch weitaus mehr: Das eigene Selbst wird spürbar. Das ist eine wunderschöne Erfahrung, die alles verändern kann

TEXT JUTTA JUNGE FOTO ASHRAFUL AREFIN

Manchmal zerrinnt uns die Zeit zwischen den Fingern. Tage, Wochen, Monate: Sie vergehen ohne einen Nachhall, hinterlassen keine sichtbaren Spuren. Viele von uns können nicht einmal sagen, was das schönste Ereignis in diesem Sommer war. Warum das so ist? Vielleicht, weil wir verlernt haben, innezuhalten, uns zu besinnen und kostbare Momente in uns zu verankern. Wir arbeiten rund um die Uhr. Aber ein ausgefüllter Terminkalender ist eben noch lange kein ausgefülltes Leben, nicht wahr? Man sagt, das Leben beginne dort, wo die Zeit aufhört. Vielleicht beginnt es aber auch dort, wo wir einmal mit festem Blick auf uns selbst schauen, das Besondere sehen und außergewöhnliche Momente festhalten – für uns selbst, für später. Eine der schönsten Formen des bewussten Erinnerns ist das Schreiben eines Tagebuchs. „Ich entdecke immer und immer wieder, dass das Tagebuch eine Anstrengung gegen das Dahinschwinden ist, gegen das Verlieren, gegen die Entwurzelungen, gegen Verfall und Unwirklichkeit“, bemerkte die 1903 geborene amerikanische Schriftstellerin Anaïs Nin, die einfach immer und überall schrieb, in jedem freien Moment, im Zug, im Café, auf der Straße, beim Friseur. In ihren Worten steckt eine profunde Erklärung dafür, warum seit Jahrhunderten eine so große Faszination von Tagebüchern ausgeht: Das eigene Selbst wird spürbar, kommt zum Ausdruck, ohne dass es direkt zum Thema gemacht wird. Der Theologe Olaf Georg Klein hat sich viele Gedanken über das Tagebuchschreiben gemacht und bemerkt: „Der niedergeschriebene Satz kann einen Moment des Lebens einfangen und festhalten. So, wie das Foto einen bestimmten Augenblick fixieren kann. Aber es gibt da einen wesentlichen Unterschied. Das Foto bildet die sichtbare Oberfläche ab. Besser als nichts. Der geschriebene Satz aber kann das eigene Denken und Fühlen, ja das eigene Sein festhalten. Ein geschriebener Satz ist nicht Oberfläche, sondern Tiefendimension, wie ein Foto der eigenen Seele, des eigenen Seins.“

Wir alle sind, im Inneren wie im Äußeren, fast pausenlos in Unruhe. Überflutet von Reizen und Nachrichten, bedrängt von einer unendlichen Fülle an Optionen, finden wir oft das Zentrum unserer eigenen Kraft nicht mehr. Wann haben wir zuletzt Klarheit in uns gespürt?

Jeder Tag unseres Lebens hat genau 86 400 Sekunden. In jeder einzelnen prasseln S