„Harmonie schenkt deiner Seele Freiheit“

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Worin liegt die Essenz unseres Lebens? Das wollte der weltweit angesehene Neurowissenschaftler Ken Mogi (59) herausfinden – und entdeckte dabei die jahrtausendealte japanische Weisheit des „Nagomi“, die Lehre vom Gleichgewicht aller Dinge

INTERVIEW SYLVIA NAUSE-MEIER FOTO SHUTTERSTOCK PR

KEN MOGI

Wie würden Sie Ihr Leben beschreiben, Ken?

Als einen langen, kurvenreichen Weg voller Entdeckungen. Staunen. Voller Erlebnisse, die nur einmal geschehen; jeder Moment ist etwas Besonderes. Und falls nicht, habe ich gelernt, mich mit meinen Sorgen anzufreunden …

… oh, wie haben Sie das denn geschafft?

Indem ich mich um ein Gleichgewicht zwischen allem bemühe – dem Guten und Schlechten, meinem Umfeld und der Umwelt. Dem Auf und Ab des Lebens. Wir Japaner sagen dazu „Nagomi“.

Das heißt …

… Harmonie und ist so etwas wie die Seele meiner Heimat. Prinz Shōtoku schrieb „Nagomi“ im Jahr 604 in die „17-Artikel-Verfassung“, Japans erstes staatsrechtliches Dokument. Die Entstehung unserer Nation beruht auf dem Leitbild von Nagomi.

Der Wunsch nach Harmonie begleitet auch uns in unserem Alltag. Was ist das Besondere an Ihrer Harmonie?

Wir verbinden damit Stille und Zurückhaltung. Eine Niederlage mit Würde hinzunehmen und bei einem Sieg unauffällig zu bleiben. Du kannst wunderbare Dinge erreichen, ohne deine Vorzüge ständig vor dir herzutragen.

Das Motto „Wer am lautesten trommelt, wird am besten gehört“ ist also falsch?

In unserem Leben ist das Anonymsein tief verwurzelt.

Warum?

Wir sehen Kreativität als Bestandteil des Lebenskreislaufs. Nicht als Prozess, bei dem ein Genie allem seinen Stempel aufdrückt. Wer die Fesseln der Ichbezogenheit abstreift, ist viele Einschränkungen los und kann so seine kreative Energie viel besser ausschöpfen. Was auf den ersten Blick wie eine Kränkung des Egos wirkt, ist eigentlich zutiefst befreiend. In Japan sind zum Beispiel die meisten Twitter-Accounts anonym. Der Verfasser unserer Nationalhymne ist unbekannt. Anonymität bildet auch die Klammer, die die japanische Götterwelt zusammenhält.

Inwiefern?

In Japan werden acht Millionen Götter verehrt – „acht Millionen“ steht für die Unendlichkeit. Jede einzelne Gottheit, egal, welche Bedeutung sie hat, stellt nur einen Tropfen im riesigen Ozean der Götter dar, die als Herrscher über die Welt gelten. Ein Shintō-Schrein in Tokio mag einer Gottheit geweiht sein, aber im religiösen System des traditionellen Shintoismus ist der Name des Gottes für den Gläubigen letztlich unwichtig. Er verbeugt sich vor einem Götter-Kollektiv.

Woran glauben Sie, Ken?

In Japan ist es nicht ungewöhnlich, ganz roma