Vollmond- Wandern

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Sie ist das Land der Riesen und Hexen. Jetzt im Spätsommer entfaltet sie ihre einzigartige Magie – und bei Nacht umso mehr. Eine Vollmondwanderung durch die Lüneburger Heide …

TEXT DOROTHEE TEVES FOTO TF_PHOTOGRAPHY DANIEL FRENCH DAGMAR ZIMMER-MANN ALAMY SHUTTERSTOCK PRIVAT

Es ist dieses Licht. Dieses Licht, das weder Dämmerung ist noch Nacht. Wie ein Hauch legt es sich über die Landschaft, und irgendwo zwischen Zwielicht und Dunkelheit, in diesem einen magischen Moment, verändert es die Welt. Wo eben noch die Erinnerung eines Sommertages verblasste mit seinen warmen Goldtönen, leuchten nun alle Nuancen von Silber-Violett-Blau. Wie ein schimmerndes Band schlängeln sich Sandwege kühl und weiß und unwirklich unter diesem Schleier. Flüsternd von all jenem, was jenseits des Sichtbaren liegt …

Durch das Land der Hexen und Riesen

Ich bin aufgebrochen zu einer Vollmondwanderung durch die Lüneburger Heide. Mein Weg führt über die Schmale Aue bei Sudermühlen, dann weiter über den kleinen Radenbach und schließlich Richtung Wilsede. Die Heideflächen hier zählen zu den größten zusammenhängenden Mitteleuropas – das Naturschutzgebiet umfasst 231 Quadratkilometer. Das ist größer als Lübeck. Oder Düsseldorf. Und jetzt gerade erscheint es mir – unendlich. Der Mond ist noch nicht aufgegangen; im Westen glüht der Himmel zartgolden und rosa. Ich sehe Hufspuren im Sand, atme den Duft von Kiefernharz und warmen Sommernächten. Grillen zirpen; ich höre eine Amsel rufen. Irgendwo bellt ein Rehbock, und während die Dunkelheit sich senkt, erinnere ich mich an die Sagen und Märchen, die über dieses Land erzählt werden. Wichte, Zwerge und Hexen sollen in der Heide ihren Schabernack getrieben haben; vor allem aber die Riesen, von denen es heißt, sie haben einst die mächtigen Felsbrocken hierhergebracht, die noch immer hie und dort in der Landschaft stehen. Von den drei Wilseder Riesen erzählen die Heidjer gerne, dass sie vor langer Zeit, nachdem sie dessen müde waren, alle Bäcker und Müller und Bauern der Gegend zu schikanieren, sich entschlossen, sich einem wahrhaft großen Werk zu widmen: Sie wollten eine Heerstraße durch die Heide bauen – um den Kutschpferden, die ihnen die liebsten aller Tiere waren, das Leben zu erleichtern, schließlich sahen sie jeden Tag, wie diese ihre Fuhren mühsam durch die tiefen Sandböden stemmten. So machten sich die drei auf in das Land jenseits des großen Meeres, um dort Felsblöcke von den Berghängen zu bröckeln. Schwer bepackt kehrten sie heim, übersahen allerdings in ihrer Eile, dass der Imker zwischenzeitlich seine